Urbaner Garten, globaler Acker und transformative Wissenschaft
Im Mittelpunkt des vierten Kolloquiums der AG Transdisziplinäre Didaktik der GTPF stand die Frage, wie urbane Gärten und globale Agrarflächen als Wissensallmenden wirken und als Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft neue Formen des Lernens ermöglichen.

19. Juli 2026, Freiburg-Vauban. Rund zwanzig Teilnehmer*innen, darunter Studierende, Hochschuldozent*innen, Vertreter aus Hochschulmanagement und Zivilgesellschaft, starten im Freiburger Wandelgarten in den Tag. Monika Lüers, eine der Initiator*innen des Gartenprojekts empfängt die Gruppe. Entstanden aus der Transition-Town-Bewegung, sollte der Wandelgarten von Beginn an ein Ort des Wissensaustauschs und der gemeinschaftlichen Gestaltung sein. Die Idee der Stadt als Experimentierfeld und gemeinsamer Lebensraum von Mensch und Natur prägt das Projekt bis heute. Bildungsarbeit spielt eine zentrale Rolle, denn der Wandelgarten soll Menschen unterschiedlicher Hintergründe ins Gespräch über nachhaltige Lebensweisen, Ernährung und Stadtentwicklung bringen.
Der Wandelgarten befindet sich auf einer Freihaltefläche, die ursprünglich für den Bau eines Parkhauses vorgesehen war. Statt zusätzlicher Infrastruktur für den motorisierten Individualverkehr hier ein gemeinschaftlich genutzter Grünraum. Dabei sind die Voraussetzungen für den Pflanzenanbau keineswegs ideal: Die Bodenbeschaffenheit gilt als schwierig, weshalb nicht die Maximierung von Erträgen im Vordergrund steht. Vielmehr versteht sich der Wandelgarten als Ort des Sichtbarmachens, des Ausprobierens und des gemeinsamen Lernens. Fragen der Ernährungssouveränität, des nachhaltigen Gärtnerns und eines verantwortungsvollen Umgangs mit Ressourcen werden hier praktisch verhandelt.
Es geht also keineswegs nur um Pflanzen, sondern ebenso um Mikroorganismen, Kompostierung, das körperliche Erleben ökologischer Prozesse – etwa beim Riechen und Fassen von fermentiertem Kompost – und die sozialen und organisatorischen Dimensionen: Fragen nach Regeln, Kommunikation, Rechtsformen und Organisationsstrukturen bestimmen das Leben im Garten ebenso wie der Aufbau von Wurmcafés zur Verwertung organischer Abfälle aus dem Quartier. Die Verbindung von praktischem Engagement, Bildung und gesellschaftlicher Transformation zeigt sich auch in der Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg. Monica Lüers betreute bereits Studierenden-Projektwerkstätten des Zertifikats Nachhaltigkeit. Darüber hinaus können Studierende im Rahmen von Service-Learning-Angeboten ECTS-Punkte für ihr Engagement im Wandelgarten erwerben.
Am Nachmittag führt der Weg zum Weltacker auf dem Mundenhofgelände in Freiburg-Rieselfeld. Monika Witte, promovierte Agrarwissenschaftlerin, Mitgründerin des Weltackers und verantwortlich für die Bildungsangebote, empfing die Gruppe. Ausgangspunkt der 2012 in Berlin entwickelten Idee Weltacker war die Frage, wie sich die Herausforderungen der globalen Nahrungsmittelproduktion und der Verlust fruchtbarer Böden anschaulich vermitteln lassen. Oder anders gefragt: Wie werden wir künftig alle satt?
Auf 2.000 Quadratmetern wird auf dem Weltacker maßstabsgetreu dargestellt, wie viel Ackerfläche jedem Menschen weltweit rechnerisch für die Produktion von Nahrungsmitteln zur Verfügung steht. Ergänzt wird dies durch die Darstellung von Weideflächen. Auf dem Acker wachsen die wichtigsten Kulturpflanzen der Welt; Arten, die unter den klimatischen Bedingungen Freiburgs nicht gedeihen, werden durch Stellvertreterkulturen repräsentiert. Die unmittelbare Nachbarschaft von Acker und Autobahn macht dabei die Spannungen zwischen Landwirtschaft, Flächenverbrauch und moderner Lebensweise eindrücklich sichtbar.
Der Weltacker ist mehr als eine Demonstrationsfläche. Zahlreiche Informationstafeln erläutern Herkunft, Nutzung und Bedeutung der einzelnen Kulturpflanzen und veranschaulichen globale Zusammenhänge von Ernährung und Landnutzung. Vielfältig sind die Zielgruppen: Schulklassen erhalten Einblicke in Landwirtschaft, Bodenfruchtbarkeit und globale Ernährungssysteme; Studierende befassen sich mit Fragen der Ernährungswende, nachhaltigen Landnutzung oder gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden in eine Form übersetzt, die für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zugänglich wird.
Beide Projekte verdeutlichten auf ihre eigene Weise, dass transdisziplinäre Zusammenarbeit erhebliche Zeitressourcen, Engagement und ein breites Netzwerk an Partnerschaften erfordert. Die Erfahrungen der abschließenden Diskussion zeigte darüber hinaus die Schwierigkeiten, Praxispartner*innen zu finden, die die Anliegen transdisziplinärer Lehre teilen und mittragen. Transdisziplinäres Lernen bewegt sich häufig auf einer Metaebene: Es geht weniger um die Details des Pflanzenanbaus als um die Fähigkeit, Wissensressourcen zu erschließen, unterschiedliche Akteur*innen miteinander zu verbinden, Perspektiven kritisch zu reflektieren und gesellschaftliche Herausforderungen gemeinsam zu bearbeiten.
Transdisziplinarität wurde in zweierlei Weise erfahrbar: als wissenschaftliche Perspektive, die Wissen jenseits disziplinärer Grenzen einbezieht, und als Bewegung, die aus den Disziplinen heraus in gesellschaftliche Praxisfelder eindringt. In der Verbindung beider Bedeutungen wurde deutlich, dass transdisziplinäres Lernen nicht nur neue Wissensressourcen erschließt, sondern auch Haltungen und Kompetenzen fördert, darunter die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erkennen, Akteur*innen zu vernetzen und gesellschaftliche Transformationsprozesse kritisch zu begleiten. Die Stadt als Labor bietet hierfür ein ideales Umfeld: einen realen Raum, in dem Wissenschaft und Gesellschaft, Theorie und Praxis produktiv aufeinandertreffen.









